Im folgenden werden verschiedene Praxisfelder der Musiktherapie vorgestellt:

 


Hyperaktivität (ADHS)

Musiktherapie mit Kindern, die Probleme haben mit

-          Wahrnehmung

-          Konzentration

-          Affektsteuerung

-          Stillsitzen

 

„Wie kann ich mit meiner motorischen Unruhe umgehen und sie gezielt beherrschen lernen?“

Diese Frage begleitet hyperaktive Kinder sehr häufig.
Sie stoßen an eigene und fremde Grenzen, wenn sie durch ihre Hyperaktivität auffallen und stören, um dann auf die Reaktionen anderer überrascht und sensibel zu reagieren.

 

Definition:

Hyperkinetische Störungen sind gekennzeichnet durch eine Kombination von überaktivem, wenig moduliertem Verhalten mit deutlicher Unaufmerksamkeit und Mangel an Ausdauer bei Aufgabenstellungen. Hiermit verbunden sind häufig emotionale und vor allem dissoziale Störungen sowie Lern- und Leistungsstörungen.

Alle genannten Symptome können gemeinsam vorkommen, jedoch auch unabhängig

voneinander auftreten. [1]

 

Mit diesen Kindern kann wie folgt musiktherapeutisch  gearbeitet werden:

Das Wichtigste und Grundlegende eines jeden Psychotherapieverfahrens ist das Aufbauen von Vertrauen und Sicherheit. Das kann über Aktivierung von Ressourcen, also Stärken der Kinder gehen.

In der Musiktherapie greifen wir besonders auf musikalische Ressourcen zurück.

So können z.B. mit jedem Kind gemeinsam ganz individuelle Rituale für den Anfang der Therapiestunde entwickelt werden. Das kann ein spezielles Begrüßungslied oder ein rhythmisches Signal usw. sein.

Dies soll als Struktur und Rahmen dienen: “ So fängt`s immer an.“

Wahrnehmung

Wenn die Fähigkeit fehlt, sich selbst wahrzunehmen und zu erleben, kann Musiktherapie Wahrnehmung sensibilisieren und Erleben differenzieren. Dies kann über ein ganzheitliches Hör- und Wahrnehmungserlebnis wie z.B. Sitzen oder Liegen auf einem Liegemonochord geschehen. Die Kinder können sich über das Hören und das gleichzeitige Spüren der Schwingungen wahrnehmen und lebendig fühlen. Dieses von der Musiktherapeutin gespielte Instrument kann so Erfahrungen mit klanglicher Geborgenheit vermitteln und die Kinder emotional beruhigen.

Auch das Beachten von akustischen Signalen und/oder Lieder mit Aufforderungscharakter können dem Kind ganz neue Wahrnehmungserlebnisse vermitteln, die es im Alltag umsetzen kann. 

 

Konzentration

Wenn die Fähigkeit fehlt, sich über einen angemessenen Zeitraum hinweg zu konzentrieren und dabei vorzeitiges Abbrechen und häufiger Wechsel von Aktivitäten auftritt, können z.B. rhythmische Spiele  eine  haltende Funktion für das Kind haben.

Im gemeinsamen Rhythmus kann die MusiktherapeutIn das Spiel des Kindes begleiten und unterstützen, bis das Kind selbst beginnt, diesen Rhythmus aufzugreifen und so in eine intersubjektive Beziehung einzutreten.

Dabei ist auch sehr wichtig, dass die Instrumente zum Festhalten und Strukturgeben dienen können. Die Kinder haben z.B. eine Trommel in der Hand, trommeln aber nicht nur so drauflos, sondern nach bestimmten gemeinsam ausgehandelten Spielregeln.

Auf diese Weise kann die Musik die Konzentration des Kindes auf ein gemeinsames Geschehen unterstützen.

 

Affektsteuerung

Wenn die Kinder Mühe haben, ihre Affekte im üblichen Rahmen zu steuern, und sie in ihrer großen Irritier- und Erregbarkeit oft an eigene und fremde Grenzen stoßen, kann  Musik in der Musiktherapie eine Steuerungsfunktion erfüllen.

Arbeiten mit dynamischen Spielregeln wie z.B. Bremsen – Pausen – Stopp – Laut – Leise können in musikalischen Spiel-Improvisationen umgesetzt werden.

Auf diese Weise kann dem Kind  klar werden, dass es selbstverantwortlich als „Kutscher auf dem eigenen Bock“ handeln kann.

 

Stillsitzen

Wenn die Kinder sich nicht richtig spüren und wahrnehmen können, versuchen sie das durch ständige Bewegung des Körpers, also durch das so genannte „Zappeln“ auszugleichen. Hier gibt es in der musiktherapeutischen Arbeit viele Möglichkeiten mit Körperresonanzen zu arbeiten. Das können u.a. Arbeiten mit Klangschalen sein, die ihre Schwingungen über das Gehör, aber auch über den Körper abgeben. Die Kinder können sich so intensiv ganzkörperlich wahrnehmen und ruhig werden.

Auch Arbeiten mit Strukturen können Sicherheit und Rahmen geben, was für diese Kinder sehr beruhigend  sein kann, da ein Spiel mit selbst erstellten Regeln den Bedürfnissen der Kinder und ihres Gegenübers gerecht werden kann.

Beispiel: musikalisch wird gemeinsam ein Gewitter dargestellt, oder es soll einmal eine Pause während des Spiels entstehen, oder es wird ein Kanon auf einer gemeinsamen Trommel gespielt usw.

 
Intermediale Quergänge

Um die verschiedenen Wahrnehmungen, die in der Musik gemacht werden, zu vertiefen, können sie in andere Sinnesbereiche umgesetzt werden, z.B. in Bewegung und Tanz, Malen, Formen in Ton und Spielen mit Sprache, z.B. Erfinden von Raps etc.

Damit kann die Fantasie angeregt und die Persönlichkeit des Kindes gestärkt werden.

Zusammenfassung

Kinder mit hyperkinetischen Störungen (ADHS) kommen in der Regel dann in meine Praxis, wenn sie schon einen erheblichen Leidensweg hinter sich haben. Daher ist das Wichtigste, den Kindern wieder Spaß, Freude und Lust am Zuhören, Spielen, Lernen und Musizieren und letztlich am Leben zu vermitteln.

Die schwerpunktmäßige Arbeit an Wahrnehmung, Konzentration, Affektsteuerung und Stillsitzen ist in der musiktherapeutischen Arbeit immer miteinander verbunden; so wird bei Arbeiten an der Wahrnehmung immer auch an Konzentration, Affektsteuerung und Stillsitzen mitgearbeitet und umgekehrt.

Alle diese Bereiche verbindet die Musik durch ihre Halte-, Intermediär-( Musik als Brücke zueinander) und Vehikelfunktion.


Hinweis


In dem obigen Artikel habe ich  die Arbeit mit hyperkinetischen Kindern beschrieben. 


Die ADHS-Problematik  kann die Menschen allerdings bis ins Erwachsenenleben hinein begleiten. Auch für sie ist eine musiktherapeutische Arbeit  in meiner Praxis möglich. Außerdem biete  ich Einführungen in dieses Thema für Eltern, ErzieherInnen und Lehrer an.

 

Suse Drescher


[1] Frohne-Hagemann, Isabelle; Pleß-Adamczyk, Heino; Indikation Musiktherapie bei psychischen Problemen im     Kindes- und Jugendalter, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht), 2005 , S. 215.

 
 

Musiktherapeutische Ressourecenarbeit

mit Flüchtlingsfrauen im Asylbewerberwohnheim

Menschen, die als Asylsuchende in Deutschland leben,  kämpfen mit der Verarbeitung ihrer Fluchtumstände, ihrer gesellschaftlichen und kulturellen Entwurzelung und befinden sich im Prozess der Integration in die neue Gesellschaft.

Sie stoßen im alltäglichen Leben auf vielfältige Schwierigkeiten, seien es die marginalisierenden Verhältnisse im Asylantenwohnheim, die monate- oft jahrelange Unsicherheit über die Zukunft oder die allmähliche kulturelle Entfremdung der Kinder, die in der andersartigen Gesellschaft aufwachsen. Ständiger Stress und Anspannung, verschiedenartige Verlustgefühle, Gefühle von Scham, Demütigung und Schuld bewirken Veränderungen im Vertrauen, der Identität und der Integrität.

Folgen sind zurückgezogenes Leben und vielfache somatische und psychosomatische Erkrankungen (z.B. Schlafstörungen, Depressionen, Schmerzsyndrome, Herz- und Verdauungsstörungen, etc.).

 
Da die Musiktherapie vor Ort im Asylantenwohnheim stattfindet, kennt die Therapeutin den belastenden und konfliktgeladenen Lebensalltag der Frauen. Dadurch kann Verständnis und Vertrauen wachsen, worauf wiederum die therapeutische Beziehung aufbaut.

Die musiktherapeutischen Interventionen haben vorwiegend stützenden Charakter.

 
Mit den mitgebrachten Musikinstrumenten und Materialien wird  ein „geschützter Frauenraum“ gestaltet. Hier bekommen die Frauen die Möglichkeit zu tänzerischem und stimmlichen Ausdruck: Da in vielen Kulturen Tanzen, Singen und oft auch Trommeln noch unmittelbar zum Alltag gehören, setzen wir hier bei einem zentralen Lebensgefühl vieler Migrantinnen an. Oft sind diese Quellen verschüttet, vergessen, verdrängt. Gelingt aber das Singen der muttersprachlichen Lieder in der gewohnten musikalischen Form, können tiefe Gefühle ausgedrückt, positive Kindheitserinnerungen aktiviert und die eigene Identität gespürt werden. Vergleichbar wirkt das Tanzen der kultureigenen Tänze.

Die Anleitung deutscher Lieder verbindet die unterschiedlichen Nationalitäten.

 
In der aktiven Improvisation auf Instrumenten – einige davon entsprechen traditionellen, den Frauen bekannte Instrumente - können Kontakte geknüpft, Stimmungen ausgedrückt oder  Ruhe erreicht werden.

Angeleitete Rhythmusarbeit auf unterschiedlichen Trommeln hat bodengebenden Charakter.

Entspannungs- und Atemübungen werden von der Therapeutin auf Klangschale oder Leier begleitet.

 
Entlastende und stützende Gespräche sind ein weiterer wichtiger Teil der Therapie.

 
Die Gruppe ermöglicht die Erfahrung von Solidarität durch das gemeinsame Erleben von Freude und Lust, durch das Mit-Teilen von Ängsten, Trauer, Hoffnung, aber auch durch gegenseitige übersetzerische Sprachhilfen und die Mitverantwortung für eine regelmäßige Teilnahme.

 
Ziel von musiktherapeutischer Ressourcenarbeit mit Flüchtlingsfrauen ist, über die Wertschätzung ihrer kultureigenen Lieder, Rhythmen und Tänze bei den Wurzeln und der Würde dieser Menschen anzusetzen und damit den Aufbau ihrer Selbststärkungskräfte zu unterstützen.


Almut Warneke

 
 

Musiktherapie in Neurologie und Neurologischer Rehabilitation

 Musik wird heutzutage in der Therapie neurologisch erkrankter Menschen bei einer Vielzahl von Krankheitsbildern eingesetzt:

  •  Zustand nach Apoplex

  •  Querschnittlähmung

  •  Multiple Sklerose

  •  Parkinson - Syndrom

  •  Epilepsie

  •  Zustand nach Schädelhirntrauma

  •  Frühstadium nach Koma oder Apallischem Syndrom


Alle diese Erkrankungen bringen eine Einschränkung der Lebensgestaltung für die  Betroffenen mit sich. Zumeist sind sprachliche und/oder motorische Fähigkeiten akut oder chronisch beeinträchtigt.

In der Musiktherapie wird das Erleben und Gestalten von Musik im Sinne einer rehabilitativ oder stützend angelegten Begleitung des Patienten angewandt.


Im Vordergrund steht hierbei die Förderung von Fähigkeiten im Bereich von Kommunikation und Motorik.

 

Förderung der Kommunikation

Ausgehend von dem, was dem Patienten momentan an Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung steht, wird sein Gestaltungsspektrum gemeinsam mit dem Therapeuten weiterentwickelt. Im Sinne einer kammermusikalischen Begegnung gleichberechtigter Gesprächspartner spielen  folgende Schwerpunkte innerhalb der musiktherapeutischen Arbeit eine Rolle: 

1.)    Das Erleben und Gestalten von präverbaler Kommunikation in Form von „Co-Aktion“ und „Alternation“ im gemeinsamen Spielen und Singen.

2.)    Das Erleben und Gestalten von Elementen, die sowohl der Musik als auch der Sprache zugrunde liegen (Rhythmus, Melodik, Klang,                 Form) und die der Anbahnung, Entwicklung und Pflege des Sprechvermögens dienen.


Über die Improvisation mit der Stimme oder auf einem Instrument kann sich der Betroffene Gehör verschaffen und sich selbst Ausdruck verleihen, auch dann, wenn er mit einer momentanen oder zunehmenden Einschränkung seines Sprechvermögens leben muß.
 

Förderung der Motorik

Musik wird immer auch als „Bewegungskunst“ verstanden. Sie lebt von stetiger Bewegung, Veränderung und Entwicklung. Sie berührt und bewegt uns als aktiv Musizierende und als Zuhörer.

Auf zweierlei Weise kann Musiktherapie deshalb der Rehabilitation und Begleitung neurologisch erkrankter Patienten dienlich sein:

1.)       Sie ermöglicht dem Patienten, im Singen und Spielen seiner seelischen Beweglichkeit Ausdruck zu verleihen.

2.)       Sie bietet dem Patienten ein Übungsfeld, um seine momentanen motorischen Fertigkeiten gestaltend einzusetzen und weitere motorische Funktionen zu entwickeln.

Über das gemeinsame Improvisieren kann der Betroffene in seelische und motorische Bewegung geraten und selbst etwas bewegen, auch dann, wenn er aufgrund seiner Erkrankung in seiner äußeren Bewegungsfähigkeit stark eingeschränkt ist.

Heike Raff-Lichtenberger

 
 

Musiktherapie auf der Palliativstation

Leitziel der Palliativmedizin ist es, Tumorpatienten im fortgeschrittenen Stadium ihrer Erkrankung durch eine ganzheitliche Versorgung zu einer möglichst guten Lebensqualität zu verhelfen und ihr Leiden weitestgehend zu lindern. (Palliare = mit einem Mantel umhüllen).

Im Sinne dieser Leitlinie arbeiten Musiktherapeuten mit Ärzten, Pflegekräften, Psychologen, Physiotherapeuten und anderen Spezialisten im interdisziplinären Team zusammen. Das Fachwissen der verschiedenen Experten wird dazu genutzt, auf durch den Krankheitsverlauf bedingte Schmerzen und andere Bedrängnisse, wie Atemnot oder Übelkeit so einzuwirken, dass Patienten wieder Kraft schöpfen, Beruhigung und Entlastung finden können.

Psychosoziale Hilfen unterstützen die Patienten darin, ihre Krankheit zu verarbeiten und sich mit ihrem Leben, ihrem Sterben und ihrem Tod auseinanderzusetzen.


Oft gelingt eine Schmerzberuhigung, sodass Patienten wieder nach Hause zurückkehren können. Manche Patienten kommen im Verlauf ihrer Erkrankung immer wieder zur Behandlung auf die Station, und viele Patienten sterben auch hier. Einfühlsame Sterbebegleitung ist somit eine weitere wesentliche Aufgabe der palliativen Medizin.

In der musiktherapeutischen Behandlung werden die Potentiale der Musik für die Umsetzung der palliativen Behandlungsziele aufgeschlossen. Die Ausgangsbasis dafür ist eine respektvolle und achtsame therapeutische Beziehung.

Zentrale musiktherapeutische Interventionen in der palliativen Behandlung sind:

Klanggeleitete Hypnose, Meditation, Klangmassage, intuitives Spielen für Patienten, Gemeinsames Musikhören, Atem- und Stimmarbeit, Liedersingen und freie Improvisation.

Nach je individuellen Behandlungswegen im therapeutischen Prozess dienen diese Interventionen folgenden Zielen: 

1.      Patienten gelangen mithilfe der Musik zu schmerzlindernder Tiefenentspannung.

2.      Patienten gewinnen im Medium Musik eine Kommunikationsmöglichkeit.

·        Sie können sich im musikalischen Dialog mitteilen, auch wenn sie nicht mehr über sprachliche Ausdruckskraft verfügen.

·        Sie können sich in der musikalischen Begegnung auf einer tiefen Ebene ihres Seins emotional verstanden fühlen.

·        Und sie können in der Musik eine Sprache finden für das, was unaussprechlich ist und nicht in Worte gefasst werden kann, denn Musik ist im Bereich der Emotionen nuancenreicher und präziser als Worte.

3.      Patienten schließen sich im Gestalten und/oder Hören von Musik an ressourcevolle Gefühlszustände an. Sie erleben in der Musik Trost, Schutz und Geborgenheit.

4.   Gemeinsames Hören individuell bedeutsamer Musikstücke ermöglicht Patienten einen lebendigen Lebensrückblick, das Durcharbeiten unerledigter Konflikte und das Ziehen einer Lebensbilanz.

5.   Sterbende Patienten werden musikalisch begleitet.

Musik in ihrer spirituellen Dimension und ihrer transzendierenden Qualität vermag, auf sanfte und tröstende Weise, Sterbende hinüberzugeleiten in einen anderen Seins-Zustand.

Margarete Schnaufer

 


Musiktherapie

bei erworbenen Hirnschädigungen

z.B. nach Schlaganfall, bei Demenzerkrankungen


Musiktherapie bei hirngeschädigten Patienten wird sowohl in neurologischen Rehabilitations-Einrichtungen angewandt, als auch in der Begleitung nach Reha-Maßnahmen und beim Verlauf von Demenzerkrankungen vor Ort.

Durch musikalische Interventionen werden vegetative Funktionen wie z.B. Atemrhythmus, Herzschlag, Speichelfluss, Spontanbewegungen usw. durch ähnliche Eigenschaften der Musik gespiegelt und stabilisiert. In diesem tiefen Interaktionsprozess tauchen innere Bilder auf: Träume und real Erlebtes. Gezielte musikalische Angebote von traditioneller Musik und das eigene musikalische Agieren mit einfachen Musikinstrumenten differenzieren den emotionalen und kognitiven Ausdruck in Hinblick auf das Verarbeiten der Lebensgeschichte und das Aufspüren von bewährten Lebensstrategien als kreatives Potential für die Lebensgestaltung.

Das musikalische Geschehen kann Wahrnehmungsstörungen, Ängste und Zwänge in seinen Prozess aufnehmen, den realistischen Möglichkeiten zuführen oder in eine spirituelle Dimension einmünden. Das intuitive Erkennen und Wissen um die eigenen psychischen, physischen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten kann wiederum fremde Hilfe und Pflege wirksam zulassen.


Christa Reichle

 
 

Musiktherapie mit psychosomatisch erkrankten Menschen

Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen werden in Fachkliniken, Internistischen Akutkliniken und musiktherapeutischen Praxen einzeln oder in Gruppen musiktherapeutisch behandelt. Im klinischen Bereich geschieht dies im interdisziplinären Team. In der ambulanten Praxis geht der Musiktherapie eine somatische Abklärung voraus und gegebenenfalls erfolgt parallel eine weitere somatische Behandlung.

Die Musiktherapie versteht sich als eine psychologische Behandlungsform, d.h. sie versucht das hinter der körperlichen Symptomatik verborgenen psychische Leiden des Patienten zu erkennen und zu behandeln. Sie benutzt musikalische Mittel für einen psychotherapeutischen Prozess.

Jedoch stehen der Musiktherapie, im Gegensatz zu gesprächstherapeutischen Verfahren Methoden zur Verfügung, die zunächst an der körperlichen Symptomatik ansetzen, um allmählich einen Zugang zum Seelischen des Patienten zu erlangen. Zum Beispiel kann die Intensität und Beschaffenheit eines Schmerzes in einen Klang umgesetzt und dadurch einem emotionalen Erleben näher gebracht werden. Auch musikinduzierte Entspannungs- und Imaginationsverfahren setzen an der körperlichen Befindlichkeit des Patienten an, lenken dessen Aufmerksamkeit aber gleichzeitig auf inneres Geschehen.

Eine zentrale Arbeitsform der Musiktherapie mit psychosomatisch erkrankten Patienten ist die musikalische Improvisation. Den Patienten wird zugemutet und zugetraut, Musikinstrumente zum Klingen zu bringen und spontanen musikalischen Ausdrucksimpulsen zu folgen. Vorkenntnisse sind dafür nicht notwendig, denn gerade in dem ungewohnten und ungeplanten spielerischen Umgang mit den Instrumenten liegt die Möglichkeit, eingefahrene Verhaltensweisen zu überwinden und rationalisierende Abwehr einzuschmelzen. Im freien musikalischen Spiel kommen unbewusste seelische Strukturen und Emotionen zum Ausdruck. Im Zusammenspiel mit Mitpatienten und/ oder Therapeutin setzen sich diese in Szene, werden hörbar und dadurch einer bewussten Bearbeitung zugängig.

Das musikalische Geschehen in der musiktherapeutischen Sitzung wird von verstehenden, stützenden, reflektierenden Gesprächen umrahmt. In einem Prozess zunehmender Selbstwahrnehmung und Reflexion lernt der Patient einen Zusammenhang zwischen seelischem Befinden und körperlichen Reaktionen herzustellen. Im Wechsel zwischen musikalischem Geschehen und reflektierendem Gespräch nähert er sich seiner hinter den körperlichen Symptomen verborgenen seelischen Problematik, lernt diese zu verstehen und findet allmählich zu neuen Ausdrucks- und Bewältigungsformen.


Ulrike Höhmann

 


Musiktherapie mit alten Menschen

Alt werden und alt sein umfasst heute in der Bundesrepublik in der Regel eine Zeitspanne von mehreren Jahrzehnten. Immer mehr Menschen haben dank der medizinischen Entwicklung und eines hohen Wohlstandes eine immer höhere Lebenserwartung.  Das bringt sowohl neue Lebenschancen für Ältere als auch neue Gefährdungen und damit neue Aufgaben für das Gesundheitswesen.

In der Gerontologie  werden seit langem für die immer differenzierter werdende Gruppe von Älteren, Alten und Hochbetagten unterschiedliche, genau abgestimmte Konzepte für Gesundheitsvorsorge und Krankenbehandlung entwickelt.

Auch in der Musiktherapie differenzieren sich Theoriebildung und Behandlungspraxis:

·  So gewinnt Musiktherapie mit alten Menschen in Kurkliniken, Rehabilitationszentren, in Begegnungs- und Bildungsstätten und in ambulanten Praxen zunehmend an Bedeutung: Hier wird dem drohenden Abgleiten älterer Menschen in pathologisches Altern bereits im Vorfeld entgegengewirkt.

·  Pflegebedürftige, (chronisch) kranke und (chronisch) psychisch kranke alte Menschen werden in immer mehr Alten- und Pflegeheimen sowie in gerontopsychiatrischen Einrichtungen musiktherapeutisch behandelt.

·  Erste Projekte, Musiktherapie in der ambulanten Betreuung alter Menschen einzusetzen, werden durchgeführt.

Musiktherapie mit alten Menschen wird also eingesetzt:

1    zur Prävention,

2    zur Rehabilitation,

3    zur Bewältigung seelischer Entwicklungsaufgaben in Altersphasen,

4    zur Krisenbewältigung,

5    zur Krankheitsverarbeitung,

6    zur Verbesserung der Lebensqualität bei chronischer Erkrankung,

7    in der Sterbebegleitung.

Auf der Grundlage einer tragfähigen therapeutischen Beziehung entfaltet sich das Wirkspektrum des Mediums Musik:

Atem- und Stimmarbeit, Lieder, Rhythmen und Klänge, das Musikhören und die freie Improvisation werden, korrespondierend mit dem reflektierenden Gespräch, indikationsspezifisch und zielorientiert eingesetzt:

·  zum Aufspüren und Entfalten von Ressourcen, wie beispielsweise Belebung der Erlebnisfähigkeit und Gewinn von Sinn und Selbstwert im Entfalten kreativer Potentiale;

·  zur Belebung der Kontakt – und Begegnungsfähigkeit,

·  zum Auffinden von Geborgenheit und Schutz,

·  zum Erhalt von Orientierung und Sicherheit,

·  zur Restitution von Grundvertrauen und Verbundenheit.

Heilung und Gesundung werden im zugrunde liegenden Menschenbild nicht auf Abwesenheit von Krankheit eingeengt. Im Sinne eines Heil- und Ganzwerdens wird das Gelingen der Integration von Krankheit und unbewältigter Vergangenheit angestrebt, sowie die Erschließung von Ressourcen im Hinblick auf eine Gesamtschau des Lebens und ein Heranreifen zum Tode.

Musik in ihrer transzendierenden Qualität eignet sich hierzu in spezifischer Weise.


Margarete Schnaufer

 
 

Musiktherapie mit Kindern

 
Die Musiktherapie mit Kindern ist eine Therapieform, die stationär und ambulant als Einzel- oder Gruppentherapie immer häufiger angewandt wird.

Die natürliche Beziehung des Kindes zur Musik eröffnet gerade im therapeutischen Kontext spielerische Möglichkeiten, Potentiale zu wecken und zu entwickeln, die für die Lebenskompetenz und die Lebensqualität des Kindes von Bedeutung sind.

Musik - Trägerin aller denkbaren Nuancen menschlichen Ausdrucks und Medium stetiger Veränderung und Entwicklung - bietet sich besonders dann als Brücke der Verständigung an, wenn es um die Arbeit mit Kindern geht, die über das Wort nicht erreichbar sind und sich nur eingeschränkt verbal äußern können. Vieles von dem, was uns ein solches Kind zeigt, kann im weitesten Sinne als „musikalische Äußerung“ verstanden werden.

Der Atemrhythmus, eine winzige Bewegung der Augen, das Heben einer Hand oder eine einfache Lautäußerung können dabei ebenso Impuls für einen musikalischen Dialog sein wie ein auf einem Instrument komplex gestalteter Rhythmus oder ein Lied.

Über die musikalischeImprovisation werden die Äußerungen des Kindes von der Therapeutin aufgenommen, bestätigt und gemeinsam weiterentwickelt.

Dabei stellt sich die Therapeutin immer wieder von Neuem auf die individuelle „Sprache“ des jeweiligen Kindes ein, damit Kommunikation gelingen und eine für das Kind Sinn gebende  Begegnung stattfinden kann.

Gelingt es, die Angebote des Kindes musikalisch einzubinden, so kann Begegnung auf jeder Kommunikationsstufe stattfinden und Isolation überwunden werden. Das Kind kann seine Potentiale zeigen und entfalten.

Dabei werden folgende Fähigkeiten angesprochen und gefördert:

-    Wahrnehmen

-    Sich Erleben

-    Sich Mitteilen

-    In Beziehung treten

-    Beweglich sein

-    Selbst Handeln

-    Absichten verfolgen

 
Indikationen für Musiktherapie mit Kindern sind:

   -  Körperliche und geistige Behinderungen unterschiedlicher Ausprägung

   -  Entwicklungsstörungen

   -  Teilleistungsschwächen

   -  Psychiatrische Erkrankungen

   -  Neurologische Erkrankungen

   -  Psychosomatische und chronische Innere Erkrankungen.



Heike Raff-Lichtenberger